Sich gegenseitig mit Tipps, Materialien und geliehenen Tools weiterzuhelfen und sich zu Technikfragen zu vernetzen: Unter dem Motto „Besser teilen“ diskutierten Kulturakteur:innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum am 8. Oktober 2025, wie das noch systematischer gelingen kann. Unser Rückblick.

Unter dem Motto „Besser teilen“ kamen am 8. Oktober 2025 Kulturakteur:innen aus Berlin und dem gesamten deutschsprachigen Raum bei der kulturBdigital-Konferenz zusammen. In Vorträgen, Panels und Workshops teilten und diskutierten sie Erkenntnisse aus Digitalprojekten und Visionen für eine vernetzte und solidarische Kulturlandschaft. Entlang einiger Leitfragen des Konferenzprogramms fassen wir hier die zentralen Denklinien zusammen.
Wie können Kulturakteur:innen Tools und Materialien systematisch miteinander teilen?
Wer hat, was ich brauche? Wer braucht, was ich habe? Auf der Konferenz zeigten zwei Projekte, wie Teilen im größeren Stil gedacht und umgesetzt werden kann – mithilfe digitaler Technologien.
Konferenz-Playlist
Das zentrale Modell: Neue Sharing-Modelle an den Staatstheatern Hannover
„Wie können wir als großes Haus Verantwortung übernehmen in Zeiten, die von knappen Mitteln geprägt sind?“ Dieser Frage widmet sich ein Projekt der Niedersächsischen Staatstheater Hannover, das Doris Beckmann und Linnja Naujoks-Auffenberg auf der Bühne der kulturBdigital-Konferenz präsentierten.
Im Rahmen des Förderprogramms „Übermorgen“ der Kulturstiftung des Bundes entwickeln sie dort ein dreiteiliges Sharing-Modell:
- Die Dekorations-Werkstätten, die seit 2023 in Betrieb sind, gehören zu den modernsten in Deutschland – und sind durch den Betrieb der Staatstheater nicht annähernd ausgelastet. Das Projektteam arbeitet aktuell an einem Konzept, um die Werkstätten für Kollektive oder kleinere Häuser zu öffnen – gegebenenfalls als zentrales Produktionszentrum für die gesamte Region. Außerdem sollen Produktionsweisen erarbeitet werden, die die Nachnutzung hergestellter Bühnenmaterialien mitdenken.
- Die Anforderungen an digitale Kompetenzen und entsprechende Weiterbildungen werden immer höher – und sind von kleinen Häusern im Alleingang kaum zu stemmen. In Hannover wird aktuell das Konzept für eine institutionsübergreifende Kompetenzakademie erarbeitet.
- Im Teilprojekt „KI-Fundus“ geht es um die digitale Erfassung von mehr als 100.000 Objekten, über die die Staatstheater verfügen. Die Idee: Was digital erfasst ist, kann gefunden und nachgenutzt werden, statt es neu produzieren zu lassen. Perspektivisch soll der Fundus der Staatstheater so auch für Externe durchsuchbar werden.
Die Konzeptförderung im Programm „Übermorgen“ ist auf zwei Jahre angelegt. Für die anstehenden Denklabore sucht das Team den Austausch mit Expert:innen aus dem digitalen Kulturbetrieb.
Die überzeugendsten Konzepte des Übermorgen-Programms werden ab 2027 auch in der Umsetzung gefördert.
Interessiert?
Meldet euch gerne direkt bei Projektleitung Sonja Ochotta, um in Kontakt zu treten.
Das dezentrale Modell: berlinleiht.de
„In Berlin gibt es eigentlich immer Leute, die das haben, was man gerade braucht.“ Dieser Überzeugung sind Nikolai Wolfert und Jan Philip Steimel. Auf der Konferenzbühne stellten sie berlinleiht.de vor, eine Meta-Suchmaschine, die seit 2024 Kataloge verschiedener Berliner Leih-Initiativen bündelt. Ziel ist es, die verstreuten Sharing-Angebote der Stadt sichtbar und durchsuchbar zu machen.
Der Code von berlinleiht.de basiert auf der Commons-API: einer Schnittstellen-Software auf Open-Source-Basis, die ursprünglich für die Bündelung verschiedener Lastenradverleihe entwickelt wurde. Als Normungsschicht zieht sie einen Satz vergleichbarer Daten aus den Beständen der verschiedenen Verleih-Initiativen und stellt sie für Nutzer:innen einheitlich nebeneinander – also beispielsweise die Beschreibungen, Lagerorte und Nutzungsbedingungen verschiedener Akkuschrauber.
Von High-Tech bis No-Tech
Wer sein Verleihangebot an berlinleiht.de angliedern möchte, braucht aber keine eigene Software-Schnittstelle, die die Verfügbarkeit bestimmter Leihgegenstände in Echtzeit übermittelt. Wolfert und Steimel nehmen auch gerne Excel-Tabellen entgegen und fügen ihre Inhalte der Plattform hinzu.
Für Kulturinstitutionen, die gerne ins Verleihen einsteigen möchten, aber nur über geringe Kapazitäten verfügen, ist berlinleiht.de also schon jetzt ohne viel Vorarbeit nutzbar.
Was ist das Rezept gelingender digitaler Kooperationsprojekte in der Kultur?
Mit der ClassicCard können Jugendliche und junge Erwachsene in Berlin schon seit 1998 vergünstigte Tickets für Klassikkonzerte und Opernvorführungen erwerben. Seit 2022 gibt es die ClassicCard auch als App, im Angebot sind mittlerweile Tickets von elf verschiedenen Häusern.
Was braucht es – neben viel gutem Willen – damit solche Kooperationsmodelle fruchten? Damit gemeinsam betriebene Plattformen und Formate für alle Beteiligten langfristig funktionieren?
Allen Beteiligten müsse bewusst sein, dass Kooperationen keine einmalige Anstrengung sind, sondern konstante, kreative Mitarbeit, Disziplin und ein zuverlässiges Einhalten von Absprachen erfordern, berichtete Marion Mair (Deutsche Oper Berlin). Beim Panel „Solidarisches Teilen & Infrastruktur-Kooperation“ sprach die Marketing-Direktorin über ihre Erfahrungen mit der ClassicCard-Kooperation.
Bereits für die analoge Variante der ClassicCard hatten sich die beteiligten Häuser Ende der 1990er Jahre auf gemeinsame Vorverkaufszeiträume und Preisbindungen festgelegt. Das war schon im Klassikbereich eine so komplexe Angelegenheit, dass der Gedanke, Vertreter:innen anderer Sparten mit in die Kooperation aufzunehmen, immer wieder verworfen wurde.
Damit 2022 sogar die Umsetzung einer gemeinsamen App glückte – der ClassicCard 2.0 – war Mair zufolge auch eine Portion Glück nötig: Die Corona-Pandemie setzte bei allen Häusern kreative und personelle Kapazitäten frei, eine zusätzliche Projektförderung brachte das notwendige Geld.
Pragmatische Schnittstellen-Lösungen für mehr Sichtbarkeit
Wie die Initiatoren der Meta-Suchmaschine berlinleiht.de entschied sich auch das ClassicCard-Bündnis für die Verwendung bestehender Schnittstellen-Software als Code-Basis für die App. Der ausgewählte Ticket-Crawler zieht die Kontingente für vergünstigte Tickets aus den Ticketing-Systemen der beteiligten Institutionen und bildet sie einheitlich in der App ab. Das zeigt: Unterschiede zwischen Institutionen sind kein Hindernis für Zusammenarbeit, sondern können über Schnittstellen und klare Strukturen überwunden werden.
Datenhoheit schlägt Eigenentwicklung
Auch Fabian Kraetschmer, Chief Digital Officer beim Stadtmuseum Berlin, plädierte dafür, pragmatisch an die Auswahl und Entwicklung digitaler Tools heranzugehen. Alle Anwendungen des Stadtmuseums stammten ursprünglich aus der Industrie oder seien in Kooperation mit ihr entstanden. Vollständige Eigenentwicklungen seien auch für das Stadtmuseum nicht drin. Statt sich solchen Fantasien hinzugeben, achte man lieber darauf, wo eine eingekaufte Software-Lösung gehostet wird – um die Hoheit über die eigenen Daten zu behalten.
Raus aus dem Konkurrenzdenken
Mit deutlich geringeren Mitteln als das Stadtmuseum oder die Berliner Klassikanbieter muss die Berliner Literaturszene auskommen. Auf der Konferenz berichtete Annette Wostrak (Sprecherin der Berliner Literaturkonferenz, Leitung von LesArt – Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur) von den digitalen Aktivitäten der von ihr mitgegründeten Berliner Literaturkonferenz – und den Schwierigkeiten, die die zusätzlichen Personal- und Mittelkürzungen mit sich bringen.
Anhand der Plattform literaturstadt.berlin zeigte sie, wie kleine und mittlere Einrichtungen durch vertrauensvolle, wertschätzende Zusammenarbeit ihre Sichtbarkeit erhöhen können. Die Plattform bündelt Angebote der Berliner Literaturszene und schafft Raum für gemeinschaftliche Öffentlichkeitsarbeit. Dafür sei es nötig, dass jedes Haus Vertrauen in das eigene Programm habe – und das Programm der anderen Häuser nicht infrage stelle.
Um die Plattform bekannter zu machen, setzte das Bündnis statt digitaler Perfektion auf Pragmatismus. Mit den begrenzten Mitteln produzierte man ein Promo-Video, das zu großen Teilen aus frei verfügbaren Stock-Videos besteht, seinen informativen Zweck aber gut erfüllt.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der Berliner Literaturkonferenz habe für alle Häuser auch weitere Vorteile mit sich gebracht. So profitiere LesArt beispielsweise von der Möglichkeit, die Streaming-Kapazitäten oder auch die Räumlichkeiten größerer Häuser nutzen zu können. Auch über administrative Fragen könne in einem so vertrauensvollen Bündnis offen gesprochen werden.
Die Zusammenarbeit der Berliner Literaturhäuser bestätigt, was Autor und Internetforscher Michael Seemann in seiner Closing-Keynote ausformulierte: Wer sich in Zeiten des Plattformkapitalismus vereinzelt, wer das eigene Angebot nur in Konkurrenz zu anderen Angeboten denkt, schwächt damit eher die eigene Position als sie zu stärken.
Wie können Kulturakteur:innen den Aufbau digitaler Kompetenzen effektiv gemeinsam angehen?
Um handfeste IT-Themen zu bearbeiten oder technologische Entwicklungen für die eigene Arbeit produktiv zu machen, fehlt vielen Kulturinstitutionen das Fachpersonal. Zentrale Kompetenzstellen und Wissenstransferprojekte versuchen, diese Lücken zu schließen – und werden in der Kultur hochgeschätzt. Und doch: Einen spannenden Workshop zu besuchen ist das eine, Wissen und Methoden nachhaltig in die Arbeitspraxis zu integrieren, das andere.
Beim Panel „Mind the gap – Wie wirken zentrale Strukturen für Kompetenzaufbau und Digital Literacy in der Praxis?“ diskutierten Tabea Golgath (Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur), Xenia Kitaeva (Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS)) und Silvia Faulstich (kulturBdigital | Technologiestiftung Berlin) mit Matthias Stier (Deutsches Technikmuseum), wie nachhaltigere Netzwerke für Digital Literacy in der Kultur aussehen könnten und was sich dafür an den derzeitigen Förder- und Projektlogiken ändern müsste.
Wie gibt man das Wissen an Kolleg:innen weiter, das man auf einer Tagung oder bei einer Weiterbildung mitgenommen oder bei aktuellen Projekten gewonnen hat? Wie man diese Frage beantwortet, hat Matthias Stier zufolge auch Auswirkungen auf die Qualität der eigenen Arbeit: „Wenn man eine Ausschreibung zu KI-Themen macht, muss auch die Finanz- und Vergabeabteilung wissen, worauf bei der Ausschreibung von KI-Projekten zusätzlich und besonders zu achten ist.“
Interner und externer Wissenstransfer
Stier berichtete, dass im Deutschen Technikmuseum interne Podcasts eingesetzt werden, um das Wissen der Abteilungen miteinander zu vernetzen und Kolleg:innen über neue Projekte zu informieren.
kulturBdigital-Projektleitung Silvia Faulstich betonte, wie wichtig es sei, solche Ideen für interne Wissens- und Schulungsformate für andere Institutionen sichtbar zu machen, damit andere Institutionen von erfolgreichen Strategien lernen können.
Der halböffentliche Raum des kulturBdigital-Forums bietet sich für den Austausch zu solchen Formaten an.
Der aktuelle Wechsel des Forums von der Messaging-Software Mattermost zur Foren-Software Discourse zeigt, wie wichtig es für gelingenden Wissenstransfer ist, die passenden Bedingungen zu schaffen. Gemeinsame Plattformen werden dann wirksam, wenn sie die Ziele und Haltungen der Nutzer:innen widerspiegeln.
In seinem Kurzvortrag erläuterte Simon Pleikies vom kulturBdigital-HelpDesk, wie die Open-Source-Plattform themenzentrierte Diskussionen vereinfacht und die Übersichtlichkeit steigert.
Zentrale Kompetenzstellen
Bei digiS wird mit einem Alumni-Pool dafür gesorgt, dass neu begonnene Projekte aus den Erfahrungen abgeschlossener Projekte lernen und so Kompetenznetzwerke über Projektzeiträume hinaus gedeihen können.
Den Auftrag zentraler Kompetenzstellen wie digiS sieht Xenia Kitaeva auch darin, ab und zu auf die „Hype-Bremse“ zu treten. KI-interessierte Kulturerbe-Institutionen, die am Anfang ihrer Digitalisierungsbemühungen stehen, frage sie daher gerne: „Wollt ihr nicht vielleicht lieber erstmal ein paar Digitalisate haben?“
Vielerorts mangelt es Tabea Golgath zufolge an einem Grundverständnis fürs Digitale. Kulturakteur:innen müssten verstehen, „dass es nicht darum geht, nur Dinge abzubilden. Das Ziel ist, digital zu denken und zu arbeiten. Und das funktioniert anders.“ Bundesweit gebe es in den meisten Kulturverbänden Vorarbeiten und Beratungskompetenzen zu Digitalität und KI-Themen. Es sei wichtig, dass diese Angebote noch sichtbarer würden.











Welche Rolle spielen strukturierte Daten und gemeinsame Standards für einen zukunftsfähigen Kultursektor?
Eine vernetzte Kulturlobby von Trachtenverein bis Staatsoper und eine strukturierte Datengrundlage für kulturpolitische Entscheidungen: Das sind die Ziele des Kulturatlas Bayern.
Dafür setzt das Projekt auf Offenheit, Einheitlichkeit und lokale Vernetzung – analog wie digital.
Wie Ariane Schmitt-Chandon (Stiftung Kulturzukunft Bayern) berichtete, setzt das Projekt für den direkten Kontakt zu Kulturakteur:innen Kulturbotschafter:innen ein – Gesandte des Kulturatlas, die in ihren jeweiligen Regionen gut vernetzt sind, für das Projekt werben und die notwendigen Daten erheben können. So sollen möglichst große Teile der bayerischen Kulturlandschaft erreicht und vom Sinn und Zweck der Plattform überzeugt werden. Schließlich nutzt eine Plattform nur dann etwas, wenn sie auch in Anspruch genommen wird.
Im Digitalen setzt sich dieser Gedanke fort: Schon die Daten, die das Projekt über Bayerns Kulturakteur:innen erhebt, werden in einer suchmaschinenoptimierten Form erfasst. Für die verschiedenen Funktionen der Plattform setzt das Kulturatlas-Team auf etablierte Standards und Open-Source-Komponenten und implementiert von Beginn an Schnittstellen zu benachbarten Projekten wie dem Datenraum Kultur oder der BayernCloud.
Ähnliche Ziele – wenn auch in etwas kleinerem Maßstab – verfolgt das Team des Berliner Kulturkatasters.
Auf der Konferenz stellte Ali Deniz Şensöz den aktuellen Entwicklungsstand des Kulturkatasters Berlin vor. Er erläuterte, wie das digitale Tool Kulturorte sichtbar macht, Daten vernetzt und als zentrale Informationsplattform für Kulturakteur:innen, Verwaltung und Öffentlichkeit dient.
Zudem zeigte er, welche Chancen das Kulturkataster für die Kulturförderung und die langfristige Sicherung von Räumen eröffnet: Durch die Einbindung von Fachdatensätzen – beispielsweise aus der Berliner Sozialverwaltung – können Nutzer:innen das Kulturangebot eines bestimmten Kiezes vor dem Hintergrund der sozialen Gegebenheiten betrachten. Eine Möglichkeit, beispielsweise den Bedarf für Angebote aus dem Bereich Kultureller Bildung datenbasiert zu untermauern – oder überhaupt erst zu entdecken.
Wie realistisch sind Kooperationen auf Infrastrukturebene und was können große Institutionen dazu beitragen?
Beim Panel „Solidarisches Teilen & Infrastruktur-Kooperation“ beschrieb Fabian Kraetschmer die Limitierungen, die Sparmaßnahmen und Fachkräftemangel auch für große Häuser wie das Stadtmuseum Berlin bedeuten: Es fehlt schlicht Personal, das über die eigenen Projekte hinaus Kooperationsangebote betreuen könnte. Kraetschmer betonte, dass Kooperationen fürs Stadtmuseum aktuell vor allem in Form von bodenständigem Wissensaustausch funktionieren – das aber sehr gut.
Man gebe sehr gerne Erfahrungsberichte und Learnings zu Infrastrukturthemen weiter. Mit Hinweisen wie „Das haben wir versucht, damit sind wir auf die Nase gefallen, macht das nicht!“ habe man anderen Institutionen schon viel Zeit gespart.
Zahlen, bitte!
Damit größer angelegte Kooperationen in den Bereich des Möglichen gelangten, müssten zudem die Chefetagen überzeugt werden, dass Sharing-Modelle eine tatsächliche Kostenersparnis bringen. Nur fehlten in vielen Häusern, das Stadtmuseum nicht ausgenommen, vollständige Zahlen zu Infrastrukturkosten, die einen solchen Vergleich überhaupt erst ermöglichen würden. Eine strukturierte Aufstellung über den Ist-Zustand wird auch hier zur Ermöglichungsbedingung für Veränderung.
In seinem Vortrag „Digital souveräne Kultur 2025“ ergänzte Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin, dass viele Häuser zwar die Idee geteilter Strukturen begrüßten, oft aber nicht bereit seien, Zugeständnisse bei den gemeinsamen Nutzungsoberflächen zu machen. Digitale Souveränität sei aber eine Frage des Handelns. Wer weg wolle von teuren Insellösungen, müsse Kompromisse eingehen.
Als Konsequenz aus der geringen Nachnutzung von Open-Source-Projekten im Kultursektor konstatierte Zimmer außerdem: „Es muss eine gemeinsame, zentrale Infrastruktur geben, die so anpassungsfähig ist auf die individuellen Bedarfe, dass alle damit arbeiten können. Nur dann wird das Versprechen eingelöst, das wir mit den gemeinsamen digitalen Infrastrukturen geben wollen.“ Er nahm hierbei Bezug auf das EfA (Einer für alle)-Prinzip aus der Verwaltungs-Digitalisierung.
Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Teilen leichter wird und der digitale Wandel in der Kultur gelingt?
Eine von Kulturakteur:innen schon lange an die Fördersphäre herangetragene Erkenntnis scheint im Programm „Übermorgen“ zur Anwendung zu kommen, das das Projekt der Staatstheater Hannover fördert: Die Entwicklung tragfähiger, langfristig gedachter Kooperationskonzepte braucht Zeit und Geld. Sie kann auch bei größeren Häusern nicht neben dem normalen Arbeitsalltag vonstattengehen.
Für die Umsetzung von Vernetzungsvorhaben braucht es zudem Fachpersonal. Die produktive Zusammenarbeit bei Digitalthemen innerhalb der Berliner Literaturszene konnte Annette Wostrak zufolge nur entstehen durch das Netzwerk der Resilienz-Dispatcher:innen – Digitalmanager:innen, die bis Ende 2024 an den Berliner Literaturhäusern beschäftigt waren. Seit dem Ende der Finanzierung lägen viele drängende Digitalthemen wieder unbearbeitet auf den Tischen der Geschäftsleitungen, so die Leiterin von LesArt – Berliner Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur.
Für Kulturakteur:innen, die auf der Suche nach Inspiration für eigene Digitalprojekte sind, wären Prozess-Dokumentationen anderer Projekte zudem oft gewinnbringender als reine Ergebnis-Dokumentationen. Denn oft geht es eher darum, mit welchen Mitteln und auf welchen Pfaden andere zum Ziel gelangt sind als um fertige Beispielprojekte. Wenn es nach Fabian Kraetschmer vom Stadtmuseum Berlin geht, sollte diese Form der Dokumentation als verpflichtender Teil in Förderrichtlinien aufgenommen werden. So könnten Projekte schon im Förderantrag Kapazitäten dafür einplanen.
Für eine Förderlandschaft, die weniger in neuen, zwangsweise innovativen Projekten denkt, sprach sich auch Tabea Golgath vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur aus. Die Nachnutzung von Erkenntnissen und Tools aus Projekten müsste dort viel besser mitgedacht werden. So sollten auch Nachnutzungs-Kooperationen gefördert werden, bei denen Vertreter:innen eines Ursprungsprojekts Folgeprojekte begleiten und Übersetzungsarbeit leisten.
Im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Technologiestiftung Berlin Nicolas Zimmer stimmte Berlins Staatssekretärin für Kultur Cerstin Richter-Kotowski zu: Viele Knoten für Nachnutzungs- und Verbundprojekte lägen eigentlich in der Verwaltung und müssten auch dort gelöst werden. Ihre große Hoffnung daher: Die Berliner Verwaltungsreform.
Text: Thorsten Baulig